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Windmenschen

Julian Weiß

31.05.2026

Porträt Julian Weiß

Wie regionale Windunternehmen auch global denken – ambitioniertes Windkraftengagement von Unterzwischenbrunn (NÖ) bis Patagonien.

Er kommt gerade aus Chile zurück. Dort, am Ende der Welt, wo der Wind mit über elf Metern pro Sekunde weht und Schafherden die Landschaft prägen, arbeitet Julian Weiß und seine Ökowind EE an einem Windprojekt mit rund 200 Anlagen. Wenige Tage später sitzt er wieder in seinem Büro in der Nähe von Sankt Pölten mit Blick auf seinen Bauernhof nebenan: Welten, die für den 33-Jährigen längst zusammengehören.

Julian, du warst gerade in Patagonien. Was macht man dort als niederösterreichischer Windkraftunternehmer?

Julian Weiß: Vor einigen Jahren noch war die Situation für Windkraft hier in Österreich sehr unsicher: Es gab noch kein EAG, vieles war offen. Also haben wir uns umgesehen, wo es stabile Rahmenbedingungen und guten Wind gibt. In Chile sind wir fündig geworden. In der Region rund um Punta Arenas entwickeln wir nun seit 2021 gemeinsam mit mehreren Partnern ein Projekt mit etwa 200 Windrädern. Der Wind dort ist konstant stark und es gibt riesige Flächen.

Wie erlebst du die Region vor Ort?

Sehr positiv. Die Menschen stehen der Windkraft offen gegenüber und freuen sich auf die Anlagen. Wir haben uns mit Stromversorgern, Grundeigentümern und Partnern getroffen – oft ganz unkompliziert beim gemeinsamen Lammfleisch-Grillen. Das gehört dort einfach dazu. Gleichzeitig merkt man: Nach der ersten Euphorie wächst auch die Erwartungshaltung, weil alle auf den Baustart warten.

Und wie laufen Genehmigungen am anderen Ende der Welt?

Überraschenderweise ähnlich zäh wie bei uns. Es gibt klare Vorgaben, Schutzgüter und Ausgleichsmaßnahmen. Aber es funktioniert strukturiert und nachvollziehbar. Das gibt also auch Sicherheit. Wir hoffen, heuer mit dem gesamten Projekt genehmigungsseitig durchzukommen, gebaut wird es dann von Partnerunternehmen.

Zurück nach Unterzwischenbrunn: Du bist vor einigen Jahren bei Ökowind zu deinem Vater in die Geschäftsführung eingestiegen. Wie bist du in die Rolle des Windkraftunternehmers hineingewachsen?

Im Grunde war das ja vorprogrammiert, Windkraft war seit meiner frühesten Kindheit das vorherrschende Thema bei uns. Mein Vater hat schon in den 80er-Jahren mit Windkraft experimentiert, die erste Anlage stand 1998. Ich war als Kind oft dabei, auch auf der Baustelle. Nur in die Trafostationen durfte ich nicht rein, daran kann ich mich noch erinnern; aber ich wollte immer raufklettern. Während der HTL habe ich schon im Betrieb mitgearbeitet und bemerkt: Das will ich machen. Heute leite ich das operative Geschäft, meine Eltern arbeiten aber noch sehr viel mit und größere Entscheidungen werden sowieso gemeinsam getroffen.

“Mut haben und einfach loslegen.

Viele haben tolle Ideen, aber

trauen sich nicht.”

Julian Weiß, Ökowind EE

Wie hat sich die Branche seit dieser frühen Zeit aus deiner Sicht verändert?

Früher sprühte die gesamte Gemeinschaft vor Idealismus. Man wollte gemeinsam etwas aufbauen. Mit der Zeit sind die Projekte größer geworden, die Firmen auch und damit der Wettbewerb. Die Branche ist nun wirtschaftlich stark, aber natürlich ist das Gemeinschafttsgefühl der Pioniere damit ein Stück weit verloren gegangen. Gleichzeitig verändert sich die Struktur der Branche: Neben spezialisierten Windunternehmen treten verstärkt große Energieversorger auf, die mit entsprechendem Kapitaleinsatz agieren und etwa Risiken anders abfedern können.

Was ist aus deiner Sicht der wichtigste Faktor, wenn man Windprojekte in der Region umsetzt?

Dass man von Anfang an sauber arbeitet und sehr zielgerichtet kommuniziert. Wir achten sehr darauf, alle Gruppen in einer Gemeinde mitzunehmen – Eigentümer, Bevölkerung, lokale Entscheidungsträger. Widerstand entsteht oft nicht wegen der Windkraft selbst, sondern wegen persönlicher Interessen oder lokalen Dynamiken. Wenn man das ignoriert, kann sich die Stimmung schnell hochschaukeln. Wenn sich schon früh Widerstand abzeichnet, setzen wir bewusst auf Transparenz und Dialog, statt auf Druck. In Kettlasbrunn im Weinviertel zum Beispiel arbeiten wir mit einer Agrargemeinschaft zusammen – alle landwirtschaftlichen Familien haben Anteile, die Jägerschaft ist eingebunden, jeder profitiert. Dann entsteht ein echtes gemeinsames Interesse, und nicht nur ein Vorhaben, das „durchgedrückt“ wird.

Dieses Zusammenspiel mit der Region zeigt sich bei euch ja nicht nur in der Windkraft, sondern auch in der Landwirtschaft. Richtig. Wir bewirtschaften einen Bauernhof mit rund 50 Hektar Land- und Forstwirtschaft und mittlerweile auch Schafen, die die Flächen unserer neuen Agri-PV-Anlage beweiden; das ergänzt sich perfekt. Nach 20 Jahren ohne Tiere am Hof sind die Schafe auch für mich wieder ein direkterer Bezug zur Landwirtschaft – eine schöne Ergänzung zum Energiebereich. Die Landwirtschaft ist zwar herausfordernd, aber in Kombination mit Windkraft und neuen Ideen, wie unserem geplanten Walnussanbau, entstehen auch spannende Perspektiven.

Und wie siehst du die Perspektiven für junge Menschen, die in die Windbranche einsteigen wollen?

Mut haben und einfach loslegen. Viele haben tolle Ideen, aber trauen sich nicht. Die Chancen sind nach wie vor da – vielleicht nicht direkt vor der eigenen Nase, aber wenn man den Blick über den Tellerrand wagt, ist vieles möglich. Wer bereit ist, Dinge anders zu denken, Neues auszuprobieren und dranzubleiben, der kann etwas bewegen. Ich sehe das jeden Tag bei uns im Team: Wenn man ausdauernd, neugierig und offen bleibt, entsteht etwas Großes – egal ob in Unterzwischenbrunn bei Sankt Pölten oder in Patagonien.