Das Schlechte des Neuen

Windkraftausbau in Deutschland im neuen Fördersystem massiv eingebrochen.

In den letzten 20 Jahren hat Deutschland seine Stromproduktion aus erneuerbaren Energien verzehnfacht, sie liegt mittlerweile bei einem Anteil von rund 40 %. Bis vor kurzem stemmte Deutschland die Hälfte des europäischen Windkraftausbaus. Doch heute sind die Unternehmer der Erneuerbaren mit extrem veränderten Rahmenbedingungen konfrontiert.

Mit dem seit 2017 geltenden Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) wurden Ausschreibungen für Anlagen der erneuerbaren Energien verbindlich – mit folgenschweren Auswirkungen. 2017 wurden noch mehr als 5.300 MW Windkraftleistung an Land errichtet, 2018 waren es nur mehr 2.400 MW. Die Prognose für 2019 geht von 1.500 MW aus, was einen Einbruch um mehr als 70 % gegenüber 2017 bedeutet.

Bereits 2017 kam es zu massiven Turbulenzen, da professionelle Projektierer eine Sonderbestimmung, die Bürgergesellschaften einige Erleichterungen wie etwa einen Zuschlag ohne bereits erteilte Genehmigung oder einen längeren Realisierungszeitraum von 4,5 Jahren einräumte, als Gesetzeslücke zu ihrem Vorteil ausnutzten. Das führte bei den Ausschreibungen gegen Ende 2017 zu einer „virtuellen Kostendegression“, die den Anschein erweckte, die Tarifhöhen reduzieren zu können. In der Folge wurde innerhalb kurzer Zeit mit mehreren EEG-Novellen eifrig an einer Nachjustierung herumgebastelt, was zu noch mehr Verunsicherung in der Windbranche geführt hat.

Verlorene Megawatt

Sollten die Ausschreibungen mit dem Ziel eingeführt worden sein, den Ausbau der Windkraft zu beschränken, dann ist dies gelungen. Ein zentrales offizielles Ziel – die Reduzierung der Tarifhöhe – konnte damit jedenfalls nicht erreicht werden. Die durchschnittliche gewichtete Zuschlagshöhe aller Ausschreibungen im Jahr 2017 für Windkraft an Land betrug 4,53 ct/kWh. 2018 stieg diese bereits um 24 % auf 5,63 ct/kWh. Die im Februar gelaufene erste Ausschreibung 2019 erbrachte einen Wert von 6,11 ct/kWh. Damit liegt das Tarifniveau in Deutschland jetzt höher, als es bei Weiterlaufen des alten degressiven Tarifs der Fall wäre. Wegen der unterschiedlichen Förderbedingungen ist ein direkter Vergleich mit Österreich nicht zulässig, rechnet man jedoch alle Parameter (wie etwa die Vertragslaufzeit von 20 statt 13 Jahren) ein, ergibt der Wert von 6,11 ct/kWh eine höhere Förderung als der Einspeisetarif 2019 in Österreich. Dazu kommt, dass es bei den beiden letzten Gebotsrunden zu einer massiven Unterdeckung kam. Von den 1.350 ausgeschriebenen MW konnten mehr als 500 MW nicht vergeben werden, die dem Windkraftausbau in Deutschland verlorengehen.

Ein ebenso gravierender Unsicherheitsfaktor für den weiteren Ausbau ist die schleppende Genehmigungspraxis. Insgesamt gibt es einen massiven Rückgang an erteilten Genehmigungen auf historische Tiefststände. Zusätzlich dauern die Genehmigungsverfahren inzwischen bis zu zwei Jahre, wobei im Verlauf der Verfahren mehr als ein Drittel der beantragten Leistung verlorengeht. Die Verfahren nehmen immer mehr Zeit in Anspruch und verzögern damit die Umsetzung. Viele Projektierer warten daher momentan vorerst einmal ab, wie die nächsten politischen Reparaturmaßnahmen aussehen werden.

„Der Ausbau der Windenergie an Land hat sich vom Fehlstart der Ausschreibungen im Jahr 2017 noch nicht erholt“, konstatiert Hermann Albers, Präsident des deutschen Bundesverbandes WindEnergie. „Ausschreibungen leisten keinen ausreichenden Beitrag, um den Zubau der Windenergie geordnet und planmäßig abzusichern. Jetzt gilt es, erkannte Fehlentwicklungen abzustellen.“

Aus Fehlern anderer lernen

Das ist auch zentrales Thema für das in Österreich in Ausarbeitung befindliche Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG), das 2020 in Kraft treten soll und die Energiezukunft Österreichs maßgeblich bestimmen wird. Denn allen negativen Erfahrungen in anderen Ländern zum Trotz beabsichtigt die Bundesregierung, in das EAG Ausschreibungen als das Werkzeug ihrer Wahl für den offiziell gewünschten Ausbau erneuerbarer Energien festzuschreiben. Das Faktum, dass 2018 in vielen Ländern Europas der Ausbau der Windenergie gerade wegen der Umstellung der Fördersysteme auf Ausschreibungen massiv eingebrochen ist, scheint die Politik in ihrer ideologischen Nabelschau nicht weiter zu kümmern.

Die Besorgnis erregende Entwicklung in Deutschland vor Augen appelliert IGW-Chef Stefan Moidl eindringlich an die österreichische Politik: „Der Klimawandel lässt uns keine Zeit mehr für Experimente bei den Rahmenbedingungen für den Umstieg auf erneuerbare Energien. Bei der Erarbeitung des EAG müssen wir Fehler, wie sie bei der Umstellung der Fördermechanismen in Deutschland und anderen Ländern gemacht wurden, unbedingt vermeiden. Österreich sollte sich an bewährten Elementen orientieren, die nachweislich gut funktionieren, wie das Marktprämiensystem oder das Referenzertragsmodell. Andere Dinge sind wohlbedacht abzulehnen. So müssen die Fehler bei den Ausschreibungen jedenfalls vermieden werden. Wir brauchen eine stabile Planungssicherheit, nur so kann zu geringen Kosten die Ausbaumenge gesichert werden. Das Gesetz muss sofort funktionieren.“

Nicht nur die Geschwindigkeit der Umsetzung von neuen Rahmenbedingungen hält Moidl für wesentlich, sondern vor allem deren Qualität: „Wir haben ein ambitioniertes Ziel vor Augen, das einen kontinuierlichen und ambitionierten Ausbau aller Erneuerbaren verlangt. Das Ziel 100% Strom mit Erneuerbaren bis 2030 ist aber nur erreichbar, wenn die Politik neue Rahmenbedingungen implementiert, die einen Ausbau ohne Verwerfungen und Brüche am Markt der Erneuerbaren ermöglichen.“

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Dieser Artikel erschien in unserer Mitglieder-Zeitung "windenergie".